Braskem plant Wende in der Kunststoffbranche.

„Die Kunststoffe werden sich grundlegend verändern.“ Ein Gespräch mit Henri Colens, Public Affairs Manager bei Braskem. Er muss es wissen: Braskem ist einer der weltweit größten Hersteller der Kunststoffe Polyethylen (PE) und Polypropylen (PP). Wenn Sie auf einem Produkt das Logo „I’m Green™“ sehen, wissen Sie, dass es aus dem Biobasierte Grundstoffe von Braskem hergestellt wurde.

Braskem, ein ursprünglich brasilianisches Unternehmen, das 2002 gegründet wurde, betreibt Produktionsstandorte in Nord- und Südamerika sowie in Europa. Auch die Ausgangsstoffe für die biobasierten Folien von AFP werden von Braskem geliefert. Colens arbeitet in der europäischen Hauptniederlassung in Rotterdam. „Braskem ist eigentlich ein einzigartiges Unternehmen“, berichtet er. „2007 begannen wir, Pläne für erneuerbare Grundstoffe zu entwickeln, und 2010 waren wir dann die ersten, die biobasierte Grundstoffe (Polyethylen) auf den Markt brachten. So entwickelte sich Braskem zum weltgrößten Hersteller von Biopolymeren.“

Auf der Kunststoffindustrie lastet ein enormer Veränderungsdruck, so Colens. Das macht sich auch bei Braskem bemerkbar, unter anderem durch eine steigende Nachfrage nach umweltfreundlicheren Produkten. „Kunststoffhersteller wie wir müssen sich auf zwei Ziele konzentrieren: den Austausch fossiler durch nicht-fossile Ressourcen und die nutzbringende Verwertung ausgedienter Kunststoffprodukte. Kurz gesagt also: Erneuerbarkeit und Recycling.“

Das Bio-PE von Braskem wird aus Zuckerrohr hergestellt. Und dieser Prozess ist eigentlich beispielhaft für die gesamte Kreislaufwirtschaft, erklärt Colens: „Bei der Verarbeitung von Zuckerrohr entstehen zwei Stoffe: Zucker und Bioethanol. Wir verwenden Bioethanol, da es CO2 einspart, wodurch der ökologische Fußabdruck der Produkte sogar negativ sein kann.“

„Dabei muss gesagt werden, dass Kunststoffe aus fossilen Ressourcen sehr effizient sind, wenn es um die Nutzung von Energie und Rohstoffen geht: Unsere Lebensmittel bleiben länger haltbar und lassen sich einfacher transportieren. Wenn das Plastikmaterial aber nachhaltig werden soll, muss es ohne Erdöl hergestellt werden und recycelbar sein.“ Genau hier vollzieht sich die von Colens prognostizierte enorme Veränderung.

Radikaler Wandel hinter den Kulissen

Es ist eine Veränderung, die für die Verbraucher zwar spürbar sein, sich aber größtenteils hinter den Kulissen vollziehen wird, erwartet Colens. „Zuerst werden die Verbraucher merken, dass bestimmte Kunststoffprodukte einfach nicht mehr angeboten werden. So werden jetzt beispielsweise schon die Trinkhalme aus Kunststoff aus den Verkaufsregalen verbannt.“ Und das ist gut so, wie er meint, „solange es bessere Alternativen gibt. Wenn es uns nicht gelingt, Kunststoffe verantwortungsbewusst zu verwenden und zu entsorgen, dürfen wir sie gar nicht erst auf den Markt bringen.“

Aber auch bei der Abfallverarbeitung besteht Handlungsbedarf: „Das wird das nächste große Projekt. In naher Zukunft werden die Unternehmen viel besser in der Lage sein, Kunststoffe, etwa Flaschen und andere Verpackungen, zu verarbeiten. Das geschieht heute schon, aber längst nicht in dem Ausmaß, in dem wir es uns wünschen. Und auch die Verbraucher haben hier eine Aufgabe: ihnen muss ein Anreiz geboten werden, bewusster mit Abfall umzugehen und Produkte an den Hersteller zurückzugeben, wo die Recyclingwahrscheinlichkeit höher ist. Und schließlich werden in den Verkaufsregalen immer häufiger recycelte und biobasierte Kunststoffe auftauchen.“

Der radikalste Umschwung aber vollzieht sich hinter den Kulissen. „Die westlichen Länder werden besser in der Lage sein, ihre eigenen Abfälle zu verarbeiten und zu recyceln, sodass höchstens noch geringe Mengen ins Ausland verbracht werden müssen.“

Allerdings hält Colens es für einen „logistischen Alptraum“, Recyclingkunststoffe zur Regel werden zu lassen statt zur Ausnahme, wie es heute noch der Fall ist. Der Entwurf der Kunststoffe muss geändert und die Abfallsammlung und Sortierinfrastruktur müssen verbessert werden. „Technisch gesehen ist dies momentan noch sehr komplex. Das mechanische Recycling spielt eine große Rolle, aber so wird es nicht bleiben. Die enorme Veränderung, die uns bevorsteht, ist der Umstieg auf chemisches Recycling, wodurch wir mehr Kunststoffsorten recyceln können. Das setzt aber hohe Investitionen und eine geeignete Technik voraus. Wer das schafft, dem ist der Erfolg sicher.“

Braskem ist die Drehscheibe in diesem Veränderungsprozess, erklärt Colens. Oder, um mit einem schönen Bild zu sprechen: „Wir sind das Öl in der gigantischen Maschine, die sich auf die Kreislaufwirtschaft zubewegt.“

Ein CO2-Fußabdruck von null

Das Unternehmen beabsichtigt, sein Portfolio durch immer mehr biobasierte Grundstoffe und/oder recycelte Materialien zu erweitern. Darüber hinaus will es als Anlaufstelle für die Kunden fungieren. Braskem ist nämlich vor allem für seine qualitativ hochwertigen Polymere bekannt, aber die Vision des Unternehmens reicht weiter. „Wir wollen uns als nachhaltigster Kunststoffhersteller der Welt profilieren“, erklärt Colens. „Die Welt verändert sich, und wir wollen sicherstellen, dass es eine Veränderung hin zum Guten wird.“

Und zwar nicht, indem der Kunststoff abgeschafft wird. „Plastik ist ein Material, das unsere tägliche Lebensqualität erheblich verbessert. Woran dieses Material aber scheitert, ist die Art und Weise der Entsorgung. Wir gehen als Verbraucher nicht gut damit um.“ Das kann übrigens nicht den Verbrauchern selbst angelastet werden, wie Colens schnell hinzufügt; schuld daran ist seiner Meinung nach das System, das keine angemessene Abfallverarbeitung anbietet. Dadurch wird es den Verbrauchern nicht einfach gemacht, sich für den richtigen Weg zu entscheiden.

„Wir müssen die Kunststoffbranche erneuern, damit sie die Nachfrage nach kreislaufwirtschaftsfähigen, nachhaltigen Grundstoffen bedienen kann. Wir wollen Plastik in einer Form herstellen, der nicht die negativen Konsequenzen anhaften, die wir heute kennen. Unsere einzigartige Strategie geht mit einem ökologischen Fußabdruck von null einher. Das erreichen wir, indem wir biobasierte Grundstoffe mit den bereits auf dem Markt erhältlichen recyclingfähigen Kunststoffen kombinieren. Dann hat man das Beste aus zwei Welten, und zwar ohne CO2-Emissionen.“

Shampooflasche der Zukunft

Konkret arbeitet Braskem momentan an zwei Projekten: „An der Erweiterung und Verbesserung des Sortiments nachhaltiger Produkte, die wir bereits anbieten, und an der Entwicklung neuer Werkstoffe, aus denen wir die Haushaltsprodukte der Zukunft herstellen können.“

„Wir entwickeln beispielsweise ein neues, biobasiertes Verfahren, um die chemische Komponente MEG (Monoethylenglykol) herzustellen. MEG ist ein Bestandteil von PET, aus dem unter anderem Colaflaschen hergestellt werden. Wenn wir PET auf diese Weise von biobasierte Grundstoffe herstellen und den CO2-Fußabdruck verkleinern können, wäre das ein enormer Schritt vorwärts. Außerdem investieren wir Millionen in das Recycling.“

Kern der Kreislaufwirtschaft ist in vielen Fällen die Zusammenarbeit. „Wir sind uns bewusst, dass wir das nicht im Alleingang schaffen können, sondern Wissen und Werkstoffe an andere Akteure weitergeben müssen, wenn wir Fortschritte erzielen wollen“, erklärt er.

Wie es beispielsweise bei der Entwicklung einer neuen Flasche der Fall war. „Zusammen mit einem Partner, Kautex, haben wir im Blasverfahren eine Flasche hergestellt, die sich für verschiedene Anwendungen im Haushalt eignet, beispielsweise für Shampoo. Das Faszinierende daran ist, dass sie aus einer Kombination von erneuerbarem und recyceltem Material besteht. „So werden wir also zu einem Unternehmen, das auch Endprodukte entwirft. Damit schließlich mehr Recyclingkunststoffe verarbeitet werden.“

Der Grund dafür liegt teilweise darin, dass die Entwicklungen dem Unternehmen nicht schnell genug gehen. Vor allem aber darin, dass die technischen Voraussetzungen für eine solche Entwicklung extrem anspruchsvoll sind. „Es gibt nicht viele Unternehmen, die über so umfassendes Wissen auf dem Gebiet der Polymere verfügen, dass sie dazu in der Lage sind. Wir arbeiten schon damit und testen viel in unseren eigenen Labors, und darum war es für uns eigentlich nur logisch, uns auch mit dieser Materie zu befassen. Die Kreislaufwirtschaft geht mit enormen Veränderungen einher. Darum erfordert sie auch enorm komplexe Lösungen.“

Amazonas

Als brasilianisches Unternehmen ist sich Braskem seiner Verantwortung besonders bewusst. „Der Klimawandel ist die größte Herausforderung der heutigen Zeit. Um sie bewältigen zu können, müssen wir alle unseren Beitrag leisten, und der Wirtschaft kommt dabei eine besondere Verantwortung zu“, meint Colens. „Weltweit erklären die Regierungen, Veränderungen durchführen zu wollen, aber letztlich sind es die Unternehmen, die den größten Beitrag leisten müssen.“

„Darum müssen wir auch eindeutig klarstellen, dass unsere Rohstoffe nicht aus dem Amazonasgebiet stammen. Unser Zuckerrohr beziehen wir beispielsweise aus einer Region um São Paulo, 2000 km entfernt. Wir wissen auch, welche Rolle die Politik spielt, und als Unternehmen wollen wir unbedingt mit gutem Beispiel vorangehen. So informieren wir auch immer darüber, dass unser Zuckerrohr auf nachhaltige Weise gewonnen wird. Und dass wir uns immer an die geltenden Umweltschutznormen halten. Der Regenwald muss geschützt werden, und diesen Prozess müssen Branchen wie unsere sorgfältig beobachten.“

Echte Fortschritte sind manchmal nur schwer erkennbar, wie Colens eingesteht. „Vor allem, wenn Teile des Amazonas-Regenwalds brennen, Öl an die Strände spült und sich der Abfall auf den Straßen häuft. Das Wichtigste ist aber, den Mut nicht zu verlieren und als Unternehmen alles Denkbare zu tun, um Verbesserungen zu bewerkstelligen.“

Meister der Kreislaufwirtschaft

Auch selbst sollte man unbedingt weitermachen, empfiehlt Colens. „Denken Sie als Einkäufer oder Entwickler über die Nachhaltigkeit Ihrer Produkte nach. Sind noch Verbesserungen möglich? Können die Kriterien doch noch etwas angepasst werden? Und wenn schon Kunststoffe verarbeitet werden müssen, sollte auch an Braskem oder andere Unternehmen gedacht werden, die vielleicht schon eine kreislaufwirtschaftsfähige Lösung entwickelt haben. Die Kunststoffe der Zukunft werden nicht mehr aus Erdöl hergestellt. Sondern aus recyceltem Plastik, und teilweise auch aus Pflanzen.“

Auch Verbraucher können Einfluss ausüben: „Indem sie weniger kaufen, die schädlichen Auswirkungen durch sorgfältige Abfalltrennung und Recycling verringern und sich so weit wie möglich für biobasierte Grundstoffe statt fossil entscheiden. Wer dazu beitragen kann, diese Prozesse zu beschleunigen, ist Meister der Kreislaufwirtschaft.“

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